Was Humanstudien wirklich zeigen
Nicotinamid-Ribosid – kurz NR – gehört zu den derzeit intensiv untersuchten Substanzen der NAD+-Forschung.
Der Grund dafür ist ein Molekül, das praktisch jede menschliche Zelle benötigt: Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD+).
NAD+ ist an zahlreichen grundlegenden Stoffwechselprozessen beteiligt. Insbesondere bei der zellulären Energiegewinnung und als Co-Substrat verschiedener Enzyme besitzt NAD+ eine zentrale biologische Funktion.
Doch kann oral aufgenommenes Nicotinamid-Ribosid den NAD+-Stoffwechsel beim Menschen tatsächlich beeinflussen?
Genau diese Frage wurde inzwischen in mehreren kontrollierten Humanstudien untersucht.
Eine besonders interessante Untersuchung stammt von Martens et al. und wurde 2018 in Nature Communications veröffentlicht.
Was ist Nicotinamid-Ribosid?
Nicotinamid-Ribosid ist eine Form von Vitamin B3 und ein sogenannter NAD+-Vorläufer.
Der menschliche Körper kann NR über mehrere enzymatische Schritte zur Herstellung von NAD+ verwenden.
Vereinfacht lässt sich der Stoffwechselweg folgendermaßen darstellen:
Nicotinamid-Ribosid (NR) → NMN → NAD+
NR wird zunächst durch Nicotinamid-Ribosid-Kinasen phosphoryliert.
Dabei entsteht:
Nicotinamid-Mononukleotid (NMN)
NMN kann anschließend durch weitere enzymatische Reaktionen in NAD+ umgewandelt werden.
Damit stellt NR dem menschlichen NAD+-Stoffwechsel Ausgangsmaterial zur Verfügung.
Warum ist NAD+ für unsere Zellen so wichtig?
NAD+ ist kein exotischer „Anti-Aging-Stoff“, sondern ein elementares Molekül des menschlichen Stoffwechsels.
Besonders bekannt ist NAD+ für seine Funktion bei sogenannten Redoxreaktionen.
Dabei existieren zwei miteinander verbundene Formen:
NAD+
und
NADH
Diese beiden Formen ermöglichen die Übertragung von Elektronen innerhalb zahlreicher Stoffwechselprozesse.
NAD+ spielt beispielsweise eine wichtige Rolle bei:
- Glykolyse
- Citratzyklus
- mitochondrialem Energiestoffwechsel
- oxidativer Phosphorylierung
- zellulären Redoxreaktionen
Darüber hinaus wird NAD+ von verschiedenen Enzymen als Substrat benötigt.
Dazu gehören unter anderem:
- Sirtuine
- PARP-Enzyme
- CD38
- weitere NAD+-verbrauchende Enzyme
Aus diesem Grund beschäftigt sich die Forschung intensiv mit der Frage, ob Veränderungen der NAD+-Verfügbarkeit biologische Prozesse beeinflussen können.
NAD+ und Alterung – was wissen wir?
In verschiedenen Geweben und Modellsystemen wurden altersabhängige Veränderungen des NAD+-Stoffwechsels beobachtet.
Diese Beobachtungen haben zu einer ganzen Forschungsrichtung geführt:
Kann die Bereitstellung von NAD+-Vorstufen den NAD+-Stoffwechsel beeinflussen?
In Tiermodellen wurden hierzu zahlreiche Experimente durchgeführt.
Entscheidend ist jedoch die Frage:
Funktioniert die Erhöhung der NAD+-Verfügbarkeit auch beim Menschen?
Hier kommen kontrollierte Humanstudien mit Nicotinamid-Ribosid ins Spiel.
Die Humanstudie von Martens et al.
Eine der bekanntesten Untersuchungen zu diesem Thema wurde 2018 von Christopher R. Martens und Kollegen veröffentlicht.
Der Titel lautet:
„Chronic nicotinamide riboside supplementation is well-tolerated and elevates NAD+ in healthy middle-aged and older adults“
Die Studie erschien in:
Nature Communications
Es handelte sich um eine:
- randomisierte
- doppelblinde
- placebokontrollierte
- Crossover-Humanstudie.
Untersucht wurden gesunde Männer und Frauen mittleren und höheren Alters.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Die Teilnehmer absolvierten zwei jeweils sechswöchige Interventionsphasen.
Während einer Phase erhielten sie Nicotinamid-Ribosid.
Während der anderen Phase erhielten sie Placebo.
Die verwendete NR-Menge betrug:
1.000 mg Nicotinamid-Ribosid pro Tag.
Durch das Crossover-Design konnten die Teilnehmer sowohl unter NR als auch unter Placebo untersucht werden.
Die Wissenschaftler analysierten anschließend zahlreiche Stoffwechsel- und physiologische Parameter.
Was passierte mit NAD+?
Hier zeigte sich eines der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung.
Die chronische Einnahme von Nicotinamid-Ribosid führte zu einer deutlichen Veränderung des NAD+-Stoffwechsels.
Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass NR die NAD+-Bioverfügbarkeit bei den untersuchten gesunden Erwachsenen erhöhte.
Damit lieferte die Studie einen wichtigen Humanbeleg:
Oral aufgenommenes Nicotinamid-Ribosid erreicht den menschlichen Stoffwechsel und kann die NAD+-Verfügbarkeit beeinflussen.
Das ist wissenschaftlich wesentlich aussagekräftiger als Ergebnisse aus Zellkulturen oder Tierexperimenten.
Eine weitere Humanstudie untersuchte unterschiedliche NR-Dosierungen
Besonders interessant ist eine weitere randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Humanstudie.
Hier wurden übergewichtige, ansonsten gesunde Erwachsene über acht Wochen untersucht.
Die Teilnehmer erhielten unterschiedliche Mengen Nicotinamid-Ribosid:
100 mg NR pro Tag
300 mg NR pro Tag
oder
1.000 mg NR pro Tag.
Dadurch konnten die Wissenschaftler untersuchen, ob die NAD+-Veränderungen von der verwendeten NR-Menge abhängen.
NAD+ stieg dosisabhängig
Die Ergebnisse waren bemerkenswert.
Nach zwei Wochen wurden im Vollblut folgende durchschnittliche Veränderungen des NAD+-Spiegels berichtet:
100 mg NR: +22 %
300 mg NR: +51 %
1.000 mg NR: +142 %
Die erhöhten Werte blieben während des weiteren Studienverlaufs bestehen.
Damit zeigte die Untersuchung eine klare dosisabhängige Beziehung zwischen der aufgenommenen NR-Menge und der gemessenen NAD+-Konzentration im Vollblut.
Diese Ergebnisse sind ein wichtiger Bestandteil der heutigen Humanforschung zu Nicotinamid-Ribosid.
Bedeutet mehr NAD+ automatisch bessere Gesundheit?
Nein.
Und genau hier ist eine wissenschaftlich korrekte Einordnung besonders wichtig.
Der Nachweis:
„NR erhöht NAD+“
ist nicht identisch mit:
„NR verlängert das Leben“
oder:
„NR verhindert altersbedingte Erkrankungen.“
Zwischen einem veränderten Biomarker und einem nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen besteht ein erheblicher Unterschied.
Um eine konkrete gesundheitliche Wirkung nachzuweisen, müssen entsprechende klinische Endpunkte in kontrollierten Humanstudien untersucht werden.
NR und Blutdruck – interessante Hinweise, aber kein Freibrief für Aussagen
Die Martens-Studie untersuchte neben dem NAD+-Stoffwechsel auch verschiedene physiologische Parameter.
Dabei wurden unter anderem Blutdruck und arterielle Gefäßsteifigkeit betrachtet.
Die Ergebnisse lieferten erste Hinweise, die weitere Forschung rechtfertigten.
Die Autoren selbst formulierten entsprechend vorsichtig und schlugen weitere klinische Untersuchungen zu möglichen Effekten auf Blutdruck und arterielle Steifigkeit vor.
Genau diese Unterscheidung ist entscheidend:
Eine Pilotstudie kann eine interessante Hypothese erzeugen.
Sie ersetzt jedoch keine größere klinische Studie, die speziell für den Nachweis einer bestimmten gesundheitlichen Wirkung konzipiert wurde.
Neuere Forschung zeigt, warum diese Vorsicht wichtig ist
Neuere kontrollierte Untersuchungen verdeutlichen die Grenzen der bisherigen NR-Forschung.
Eine 2025 veröffentlichte randomisierte Pilotstudie untersuchte beispielsweise 1.000 mg NR täglich in Kombination mit aerobem Training bei älteren Erwachsenen mit erhöhtem Blutdruck.
Die Kombination aus NR und Training war beim primären Endpunkt – dem systolischen Blutdruck am Tag – nicht überlegen gegenüber Training plus Placebo.
Gleichzeitig wurden Veränderungen von NAD-bezogenen Metaboliten festgestellt.
Das ist wissenschaftlich ausgesprochen interessant:
NR kann den NAD+-Stoffwechsel beeinflussen, ohne dass daraus zwangsläufig bei jedem untersuchten klinischen Endpunkt ein Vorteil entsteht.
Ähnliches zeigt die aktuelle Forschung zur Kognition
Auch Untersuchungen des Gehirns liefern ein differenziertes Bild.
In einer randomisierten placebokontrollierten Pilotstudie mit älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung wurde nach NR-Supplementierung ungefähr eine Verdopplung des NAD+-Spiegels im Blut festgestellt.
Trotz dieses deutlichen Biomarker-Effekts verbesserten sich die kognitiven Funktionen im Untersuchungszeitraum nicht.
Auch der gesamte zerebrale Blutfluss und der Blutdruck zeigten keine Verbesserung.
Das verdeutlicht erneut einen der wichtigsten Grundsätze der modernen Ernährungs- und Altersforschung:
Biomarker und klinische Wirkung sind nicht dasselbe.
NR, NMN und NAD+ – wo liegt der Unterschied?
Diese drei Begriffe werden häufig miteinander verwechselt.
Dabei handelt es sich um unterschiedliche Moleküle.
NR – Nicotinamid-Ribosid
NR ist ein NAD+-Vorläufer und kann vom Körper zur NAD+-Synthese verwendet werden.
NMN – Nicotinamid-Mononukleotid
NMN liegt im Stoffwechselweg zwischen NR und NAD+ und ist ebenfalls Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung.
NAD+ – Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid
NAD+ ist schließlich das zentrale Coenzym, das in den Zellen für zahlreiche Stoffwechselreaktionen benötigt wird.
Vereinfacht:
NR → NMN → NAD+
Was hat NAD+ mit den Mitochondrien zu tun?
Mitochondrien werden häufig als „Kraftwerke der Zellen“ bezeichnet.
Diese vereinfachte Beschreibung trifft einen wichtigen Punkt:
In den Mitochondrien wird ein erheblicher Teil des für die Zelle verfügbaren ATP produziert.
NAD+ beziehungsweise NADH spielen dabei eine zentrale Rolle.
NADH kann Elektronen an die mitochondriale Atmungskette übertragen.
Die dabei ablaufenden Prozesse tragen zur Bildung von ATP bei.
Deshalb besteht ein enger biochemischer Zusammenhang zwischen:
NAD+-Stoffwechsel
Mitochondrien
und
zellulärem Energiestoffwechsel.
Das bedeutet jedoch wiederum nicht, dass eine zusätzliche NR-Aufnahme automatisch mehr Energie, höhere Leistungsfähigkeit oder einen Anti-Aging-Effekt erzeugt.
Warum ist Nicotinamid-Ribosid für die Altersforschung interessant?
Die Attraktivität von NR für die Forschung beruht auf einer logischen biologischen Kette.
NAD+ ist für zahlreiche Zellprozesse erforderlich.
Der NAD+-Stoffwechsel verändert sich mit dem Alter.
NR kann als Vorläufer zur NAD+-Synthese dienen.
Humanstudien zeigen, dass oral aufgenommenes NR die NAD+-Verfügbarkeit erhöhen kann.
Damit existiert eine plausible Grundlage für weitere Forschung.
Die entscheidende offene Frage lautet jedoch:
Welche langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen hat eine solche Veränderung tatsächlich beim Menschen?
Genau daran arbeitet die Wissenschaft derzeit.
Was zeigen Humanstudien bisher zuverlässig?
Die bisherige Humanforschung erlaubt einige relativ klare Aussagen.
Gut belegt ist:
Oral aufgenommenes Nicotinamid-Ribosid wird vom menschlichen Organismus metabolisiert.
NR beeinflusst den NAD+-Stoffwechsel.
Kontrollierte Humanstudien zeigen erhöhte NAD+-Konzentrationen beziehungsweise eine erhöhte NAD+-Bioverfügbarkeit nach NR-Supplementierung.
In einer achtwöchigen Studie wurde eine dosisabhängige Erhöhung des Vollblut-NAD+ beobachtet.
Auch Dosierungen bis 1.000 mg täglich wurden in mehreren kontrollierten Humanstudien untersucht.
Was ist dagegen noch nicht bewiesen?
Deutlich vorsichtiger müssen Aussagen zu möglichen langfristigen gesundheitlichen Vorteilen betrachtet werden.
Die bisherigen Humanstudien beweisen beispielsweise nicht, dass NR:
- den menschlichen Alterungsprozess stoppt
- die Lebensdauer verlängert
- Demenz verhindert
- grundsätzlich die Gedächtnisleistung verbessert
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert
- automatisch die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht
Viele dieser Bereiche werden wissenschaftlich untersucht.
Die Evidenz für solche weitreichenden Aussagen ist jedoch erheblich schwächer als die Evidenz dafür, dass NR den NAD+-Stoffwechsel beeinflusst.
Fazit: NR erhöht NAD+ – die gesundheitliche Bedeutung wird weiter erforscht
Nicotinamid-Ribosid gehört zu den interessantesten NAD+-Vorläufern der aktuellen Ernährungs- und Altersforschung.
Die entscheidende Erkenntnis aus kontrollierten Humanstudien lautet:
NR kann die NAD+-Verfügbarkeit beim Menschen erhöhen.
In einer randomisierten Humanstudie von Martens et al. führte eine sechswöchige Einnahme von 1.000 mg NR täglich zu einer deutlichen Aktivierung des NAD+-Stoffwechsels bei gesunden Erwachsenen mittleren und höheren Alters.
Eine weitere achtwöchige Humanstudie zeigte eine dosisabhängige Erhöhung des NAD+ im Vollblut: Bei 100, 300 und 1.000 mg NR täglich wurden nach zwei Wochen durchschnittliche Erhöhungen von 22 %, 51 % beziehungsweise 142 % berichtet.
Damit ist die grundlegende biologische Aktivität von oral aufgenommenem Nicotinamid-Ribosid beim Menschen gut dokumentiert.
Die wesentlich größere Frage bleibt jedoch offen:
Welche langfristigen gesundheitlichen Konsequenzen hat eine erhöhte NAD+-Verfügbarkeit?
Neuere Studien zeigen, dass eine Erhöhung von NAD+ nicht automatisch mit Verbesserungen sämtlicher untersuchter Gesundheitsparameter einhergeht.
Genau deshalb bleibt Nicotinamid-Ribosid ein spannendes Forschungsgebiet.
Wissenschaftliche Quellen
Martens CR, Denman BA, Mazzo MR, et al.
Chronic nicotinamide riboside supplementation is well-tolerated and elevates NAD+ in healthy middle-aged and older adults.
Nature Communications. 2018;9:1286.
DOI: 10.1038/s41467-018-03421-7
Conze D, Brenner C, Kruger CL.
Safety and Metabolism of Long-term Administration of NIAGEN (Nicotinamide Riboside Chloride) in a Randomized, Double-Blind, Placebo-controlled Clinical Trial of Healthy Overweight Adults.
Scientific Reports. 2019;9:9772.
Wissenschaftlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung. Die dargestellten Studienergebnisse beziehen sich auf die jeweils untersuchten NR-Präparate, Dosierungen und Populationen. Aus Veränderungen von NAD+-Biomarkern können keine allgemeinen Aussagen über die Prävention oder Behandlung von Erkrankungen abgeleitet werden. Der Artikel stellt keine medizinische Beratung oder Therapieempfehlung dar.
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