Was klinische Forschung über Cannabidiol zeigt
Cannabidiol – kurz CBD – gehört zu den bekanntesten Inhaltsstoffen der Hanfpflanze Cannabis sativa. Während CBD häufig mit frei erhältlichen CBD-Ölen und anderen Hanfprodukten in Verbindung gebracht wird, besitzt der Stoff auch eine wissenschaftlich gut dokumentierte pharmakologische Aktivität.
Besonders deutlich wird dies an einem bemerkenswerten Beispiel aus der Arzneimittelforschung: Hochgereinigtes Cannabidiol wurde in kontrollierten klinischen Studien untersucht und ist heute selbst Wirkstoff eines zugelassenen Arzneimittels.
Eine der bekanntesten randomisierten Humanstudien wurde 2017 im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Doch wie wirkt CBD pharmakologisch – und was zeigte diese Studie tatsächlich?
Was ist Cannabidiol (CBD)?
Cannabidiol ist ein sogenanntes Phytocannabinoid, also ein natürlich vorkommender Inhaltsstoff der Cannabispflanze.
Chemisch besitzt CBD die Summenformel:
C₂₁H₃₀O₂
CBD unterscheidet sich pharmakologisch deutlich von Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC).
Während THC seine charakteristischen psychoaktiven Effekte vor allem über eine Aktivierung von CB1-Rezeptoren entfaltet, besitzt CBD ein wesentlich komplexeres pharmakologisches Profil.
CBD wirkt nicht einfach als klassischer starker CB1- oder CB2-Rezeptor-Agonist. Die Forschung beschreibt vielmehr Wechselwirkungen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Rezeptoren, Ionenkanäle, Enzyme und Signalwege.
CBD ist pharmakologisch ein Multi-Target-Wirkstoff
Eine Besonderheit von Cannabidiol besteht darin, dass seine biologischen Effekte offenbar nicht auf einen einzigen Rezeptor zurückzuführen sind.
Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten beschreiben zahlreiche potenzielle molekulare Angriffspunkte.
Dazu gehören unter anderem:
- CB1- und CB2-abhängige Signalwege
- TRPV-Ionenkanäle
- serotonerge 5-HT1A-Rezeptoren
- GPR55
- Adenosin-Signalwege
- verschiedene Calciumkanäle
- Glycinrezeptoren
- Enzyme des Endocannabinoid-Stoffwechsels
- verschiedene Cytochrom-P450-Enzyme
CBD wird deshalb teilweise als polypharmakologisch wirkender Stoff betrachtet.
Das bedeutet: Ein Molekül kann gleichzeitig mehrere biologische Zielstrukturen und Signalwege beeinflussen.
CBD und das Endocannabinoid-System
Besonders häufig wird CBD mit dem menschlichen Endocannabinoid-System (ECS) in Verbindung gebracht.
Zum Endocannabinoid-System gehören unter anderem die Cannabinoid-Rezeptoren:
CB1
und
CB2
sowie körpereigene Endocannabinoide wie beispielsweise Anandamid und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG).
Interessanterweise funktioniert CBD hier anders als THC.
CBD besitzt keine mit THC vergleichbare direkte agonistische Wirkung am CB1-Rezeptor. Ein Teil seiner pharmakologischen Aktivität scheint vielmehr indirekt beziehungsweise über die Modulation unterschiedlicher Signalwege zu erfolgen.
Genau diese komplexe Pharmakologie macht CBD zu einem interessanten Forschungsgegenstand.
CBD interagiert auch mit anderen Rezeptorsystemen
Die Pharmakologie von CBD beschränkt sich nicht auf das Endocannabinoid-System.
In experimentellen Untersuchungen wurden beispielsweise Interaktionen mit TRPV1 beschrieben.
TRPV1 ist ein Ionenkanal, der unter anderem an der Verarbeitung verschiedener sensorischer Reize beteiligt ist.
Auch der 5-HT1A-Rezeptor wird in der CBD-Forschung untersucht. Dieser Rezeptor gehört zum serotonergen System.
Darüber hinaus werden GPR55 sowie verschiedene Ionenkanäle und weitere molekulare Zielstrukturen als mögliche Bestandteile des komplexen Wirkmechanismus diskutiert.
Wichtig ist allerdings:
Der Nachweis einer Interaktion mit einem Rezeptor oder Signalweg bedeutet nicht automatisch, dass daraus beim Menschen eine bestimmte therapeutische Wirkung entsteht.
Zwischen einem molekularen Mechanismus und einer klinisch nachgewiesenen Wirkung besteht ein entscheidender Unterschied.
Der entscheidende Beweis: CBD wurde als Arzneistoff klinisch untersucht
Besonders interessant wird die CBD-Forschung dort, wo sie das Labor verlässt.
Denn für bestimmte seltene Epilepsieformen wurde hochgereinigtes Cannabidiol in umfangreichen klinischen Studien untersucht.
Eines der bekanntesten Beispiele ist eine Studie von Devinsky et al., die 2017 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde:
„Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome“
Es handelte sich um eine:
- randomisierte
- doppelblinde
- placebokontrollierte
- multizentrische
klinische Humanstudie.
Was ist das Dravet-Syndrom?
Das Dravet-Syndrom ist eine seltene und schwere Form der Epilepsie, die typischerweise bereits im Kindesalter beginnt.
Bei den betroffenen Patienten können verschiedene Arten epileptischer Anfälle auftreten.
Ein besonderes Problem besteht darin, dass die Erkrankung häufig nur schwer mit klassischen antiepileptischen Medikamenten kontrolliert werden kann.
Genau bei dieser Patientengruppe wurde pharmazeutisch hergestelltes Cannabidiol untersucht.
Studiendesign: 120 Patienten
An der Studie nahmen insgesamt 120 Kinder und junge Erwachsene mit Dravet-Syndrom und medikamentös schwer kontrollierbaren Anfällen teil.
Die Teilnehmer wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt.
Eine Gruppe erhielt:
Cannabidiol 20 mg pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag
Die andere Gruppe erhielt:
Placebo
Die Behandlung erfolgte zusätzlich zur bereits bestehenden antiepileptischen Therapie.
Die eigentliche Behandlungsphase dauerte 14 Wochen.
Zuvor wurde über vier Wochen die Ausgangshäufigkeit der Anfälle dokumentiert.
Das wichtigste Ergebnis: Häufigkeit konvulsiver Anfälle
Der primäre Endpunkt der Studie war die Veränderung der Häufigkeit konvulsiver Anfälle.
Zu Beginn der Untersuchung betrug die mediane Anzahl konvulsiver Anfälle in der CBD-Gruppe:
12,4 Anfälle pro Monat
Während der Behandlungsphase sank dieser Wert auf:
5,9 Anfälle pro Monat
In der Placebogruppe sank die mediane Häufigkeit dagegen von:
14,9 auf 14,1 Anfälle pro Monat.
Die mediane Veränderung gegenüber dem Ausgangswert betrug damit:
−38,9 % in der CBD-Gruppe
gegenüber
−13,3 % in der Placebogruppe.
Der adjustierte Unterschied zwischen den Gruppen betrug −22,8 Prozentpunkte und war statistisch signifikant:
p = 0,01
Mindestens 50 % weniger konvulsive Anfälle
Die Wissenschaftler untersuchten zusätzlich, bei wie vielen Teilnehmern die Häufigkeit konvulsiver Anfälle um mindestens 50 % zurückging.
Dies wurde erreicht bei:
43 % der CBD-Gruppe
gegenüber
27 % der Placebogruppe.
Dieser sekundäre Endpunkt erreichte allerdings mit p = 0,08 keine statistische Signifikanz.
Auch dieser Unterschied ist wichtig, denn wissenschaftliche Ergebnisse sollten nicht allein anhand auffälliger Prozentzahlen bewertet werden.
Gesamtbeurteilung durch die Betreuungspersonen
Zusätzlich wurde die allgemeine Veränderung des Zustands anhand einer siebenstufigen Bewertungsskala beurteilt.
Eine Verbesserung um mindestens eine Kategorie berichteten die Betreuungspersonen bei:
62 % der Teilnehmer unter CBD
gegenüber
34 % unter Placebo.
Dieser Unterschied war statistisch signifikant:
p = 0,02
CBD war kein nebenwirkungsfreier Wirkstoff
Gerade weil es sich bei CBD um einen pharmakologisch aktiven Stoff handelt, müssen neben möglichen therapeutischen Effekten auch Nebenwirkungen betrachtet werden.
In der CBD-Gruppe wurden unter anderem häufiger beobachtet:
- Durchfall
- Erbrechen
- Müdigkeit
- Schläfrigkeit
- Fieber
- Veränderungen von Leberwerten
In der CBD-Gruppe kam es außerdem zu mehr Studienabbrüchen als unter Placebo.
Das ist ein wichtiger Aspekt der CBD-Forschung.
Die Tatsache, dass ein Stoff pflanzlichen Ursprungs ist, bedeutet nicht, dass er pharmakologisch inaktiv oder automatisch frei von Nebenwirkungen und Wechselwirkungen ist.
CBD kann den Arzneimittelstoffwechsel beeinflussen
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der CBD-Pharmakologie betrifft das Cytochrom-P450-Enzymsystem.
Diese Enzyme spielen eine zentrale Rolle beim Abbau zahlreicher Arzneimittel.
Insbesondere Wechselwirkungen über CYP2C19 sind für pharmazeutisches CBD relevant.
In einer weiteren randomisierten Studie mit Kindern mit Dravet-Syndrom wurde beispielsweise eine Wechselwirkung zwischen CBD und Clobazam beziehungsweise dessen aktivem Metaboliten N-Desmethylclobazam beobachtet.
Das unterstreicht erneut:
CBD ist ein biologisch und pharmakologisch aktiver Stoff.
Vom Pflanzenstoff zum zugelassenen Arzneimittel
Die klinische Entwicklung ging schließlich noch einen entscheidenden Schritt weiter.
Unter dem Namen Epidyolex – in den USA Epidiolex – wurde eine standardisierte orale Cannabidiol-Lösung als Arzneimittel entwickelt.
Der pharmakologisch aktive Wirkstoff ist:
Cannabidiol.
Damit existiert heute ein zugelassenes Arzneimittel, dessen Wirkstoff CBD ist.
Das ist wissenschaftlich besonders interessant, weil damit klar zwischen zwei vollkommen unterschiedlichen Bereichen unterschieden werden muss:
CBD als pharmazeutisch standardisierter Arzneistoff
und
frei verkäufliche CBD-Produkte.
Die Ergebnisse klinischer Studien mit einem zugelassenen CBD-Arzneimittel können nicht automatisch auf handelsübliche CBD-Öle, Kosmetika oder andere CBD-Produkte übertragen werden.
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?
Bei klinischen Arzneimittelstudien werden zahlreiche Faktoren streng kontrolliert.
Dazu gehören beispielsweise:
- Reinheit des Wirkstoffs
- exakt definierte CBD-Konzentration
- standardisierte Herstellung
- definierte Dosierung
- Pharmakokinetik
- Stabilität
- Begleitmedikation
- Nebenwirkungen
- Wechselwirkungen
- Blutwerte
- genau definierte Patientengruppen
Die in der Dravet-Studie verwendete Dosis betrug beispielsweise 20 mg CBD pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.
Bei einem Körpergewicht von 60 kg entspräche dies rechnerisch:
1.200 mg CBD täglich.
Diese Größenordnung verdeutlicht bereits, warum Ergebnisse aus Arzneimittelstudien nicht ohne Weiteres auf handelsübliche CBD-Produkte übertragen werden dürfen.
Was beweist die Studie?
Die Devinsky-Studie liefert hochwertige klinische Evidenz dafür, dass eine standardisierte pharmazeutische Cannabidiol-Lösung bei der untersuchten Patientengruppe zusätzlich zur bestehenden antiepileptischen Behandlung die Häufigkeit konvulsiver Anfälle stärker reduzierte als Placebo.
Sie zeigt außerdem sehr deutlich:
Cannabidiol besitzt pharmakologisch relevante Wirkungen beim Menschen.
Die Studie beweist jedoch nicht, dass jedes CBD-Produkt dieselben Wirkungen besitzt.
Sie beweist ebenfalls nicht, dass CBD generell gegen Schmerzen, Entzündungen, Schlafprobleme, Angstzustände oder andere häufig beworbene Beschwerden wirksam ist.
Für jede einzelne medizinische Indikation muss die Wirksamkeit separat in geeigneten klinischen Studien untersucht werden.
Molekulare Wirkung und klinische Wirkung sind zwei unterschiedliche Dinge
Dieser Unterschied ist für die gesamte CBD-Diskussion entscheidend.
Laborstudien können beispielsweise zeigen, dass CBD:
- einen Rezeptor beeinflusst
- einen Ionenkanal moduliert
- ein Enzym hemmt
- die Konzentration eines Botenstoffes verändert
- bestimmte Signalwege beeinflusst
Damit ist zunächst eine pharmakologische Aktivität nachgewiesen.
Ob diese Aktivität jedoch tatsächlich eine medizinisch relevante Wirkung bei Patienten erzeugt, muss anschließend in kontrollierten Humanstudien untersucht werden.
Bei bestimmten schweren Epilepsieformen wurde dieser Schritt mit pharmazeutischem Cannabidiol erfolgreich vollzogen.
Für zahlreiche andere diskutierte Einsatzgebiete ist die klinische Datenlage dagegen wesentlich weniger eindeutig.
Was macht CBD wissenschaftlich so interessant?
CBD unterscheidet sich von vielen klassischen Wirkstoffen dadurch, dass offenbar nicht ein einziger molekularer Mechanismus sämtliche Effekte erklärt.
Die Forschung untersucht eine ganze Reihe möglicher Zielstrukturen.
Dazu gehören das Endocannabinoid-System ebenso wie serotonerge Rezeptoren, TRP-Kanäle, GPR55, Calciumkanäle und verschiedene Enzymsysteme.
Welche dieser Mechanismen für welche klinischen Effekte entscheidend sind, ist bis heute Gegenstand intensiver Forschung.
CBD ist deshalb ein interessantes Beispiel dafür, wie aus einem natürlichen Pflanzenbestandteil ein pharmazeutisch untersuchter Wirkstoff werden kann.
Fazit: CBD ist pharmakologisch aktiv – aber Produkt und Arzneimittel dürfen nicht gleichgesetzt werden
Cannabidiol ist kein pharmakologisch bedeutungsloser Bestandteil der Hanfpflanze.
Die moderne Forschung zeigt, dass CBD mit zahlreichen biologischen Zielstrukturen interagiert und komplexe pharmakologische Eigenschaften besitzt.
Besonders überzeugend ist die klinische Forschung mit standardisiertem pharmazeutischem Cannabidiol.
In der randomisierten Studie von Devinsky et al. mit 120 Patienten mit Dravet-Syndrom reduzierte die zusätzliche Behandlung mit 20 mg CBD/kg Körpergewicht pro Tag die mediane Häufigkeit konvulsiver Anfälle von 12,4 auf 5,9 pro Monat, während sie unter Placebo von 14,9 auf 14,1 sank.
Diese und weitere klinische Untersuchungen bildeten einen wichtigen Teil der wissenschaftlichen Entwicklung von Cannabidiol als Arzneistoff.
Gleichzeitig muss die Grenze klar bleiben:
Die nachgewiesene Wirkung eines zugelassenen, pharmazeutisch standardisierten CBD-Arzneimittels bei einer konkreten Erkrankung ist kein Wirksamkeitsnachweis für handelsübliche CBD-Produkte.
Genau diese Differenzierung ermöglicht eine sachliche und wissenschaftlich fundierte Diskussion über Cannabidiol.
Wissenschaftliche Quellen
Devinsky O, Cross JH, Laux L, et al.
Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome.
New England Journal of Medicine. 2017;376:2011–2020.
DOI: 10.1056/NEJMoa1611618
Britch SC, Babalonis S, Walsh SL.
Cannabidiol: Pharmacology and Therapeutic Targets.
Psychopharmacology. 2021;238:9–28.
DOI: 10.1007/s00213-020-05712-8
Devinsky O, Patel AD, Thiele EA, et al.
Randomized, dose-ranging safety trial of cannabidiol in Dravet syndrome.
Neurology. 2018;90:e1204–e1211.
DOI: 10.1212/WNL.0000000000005254
Wissenschaftlicher Hinweis
Dieser Artikel dient der Information über den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu Cannabidiol. Die dargestellten Ergebnisse aus Arzneimittelstudien beziehen sich auf pharmazeutisch standardisiertes Cannabidiol, definierte Dosierungen und spezifische Patientengruppen. Sie dürfen nicht als Nachweis einer entsprechenden Wirkung frei verkäuflicher CBD-Produkte verstanden werden. Der Beitrag stellt keine medizinische Beratung oder Therapieempfehlung dar.
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