Was ist wissenschaftlich tatsächlich belegt?
Cannabidiol, besser bekannt als CBD, gehört zu den am intensivsten diskutierten Inhaltsstoffen der Cannabispflanze. Im Internet findet man inzwischen Aussagen zu nahezu jedem denkbaren Anwendungsgebiet – von Schmerzen und Schlaf über Entzündungen bis hin zu neurologischen Erkrankungen oder sogar Krebs.
Dabei fällt immer wieder ein besonders weitreichender Begriff:
Heilung.
Doch kann CBD tatsächlich Krankheiten heilen?
Die wissenschaftliche Antwort ist differenzierter. Cannabidiol ist zweifellos pharmakologisch aktiv. Für bestimmte Erkrankungen existieren hochwertige randomisierte klinische Studien. Hochgereinigtes Cannabidiol ist sogar als Arzneimittel zugelassen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass CBD generell Krankheiten heilt.
Um diese Unterscheidung zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick auf die klinische Forschung.
Was bedeutet „Heilung“ überhaupt?
In der Alltagssprache werden die Begriffe Wirkung, Behandlung, Symptomverbesserung und Heilung häufig miteinander vermischt.
Medizinisch sind das jedoch unterschiedliche Dinge.
Eine Behandlung kann beispielsweise:
- Symptome reduzieren,
- die Häufigkeit bestimmter Ereignisse verringern,
- einen Krankheitsverlauf beeinflussen,
- bestimmte Laborparameter verändern,
ohne die zugrunde liegende Erkrankung zu beseitigen.
Von einer Heilung würde man wesentlich weitergehend sprechen: Die Erkrankung beziehungsweise ihre Ursache wäre dauerhaft beseitigt.
Genau diese Unterscheidung ist bei CBD entscheidend.
CBD ist ein pharmakologisch aktiver Stoff
Dass Cannabidiol biologische Wirkungen besitzt, ist wissenschaftlich nicht mehr ernsthaft umstritten.
CBD ist ein Phytocannabinoid aus Cannabis sativa und besitzt ein komplexes pharmakologisches Profil.
Anders als THC wirkt CBD nicht primär als klassischer starker Agonist am CB1-Rezeptor.
Stattdessen werden zahlreiche molekulare Zielstrukturen untersucht, darunter unter anderem:
TRPV1, 5-HT1A, GPR55, Adenosin-Signalwege sowie verschiedene Ionenkanäle und Cannabinoid-abhängige Signalwege.
Auch Wechselwirkungen mit Enzymen des Arzneimittelstoffwechsels sind bekannt.
CBD wird deshalb als pharmakologisch aktiver Multi-Target-Wirkstoff untersucht.
Pharmakologische Aktivität bedeutet noch keine Heilung
Das ist einer der wichtigsten Punkte der gesamten CBD-Diskussion.
Wenn ein Stoff einen Rezeptor beeinflusst, ein Enzym hemmt oder einen bestimmten Signalweg verändert, ist damit eine biologische beziehungsweise pharmakologische Aktivität gezeigt.
Das beweist aber noch nicht, dass dadurch beim Menschen eine Erkrankung behandelt oder sogar geheilt werden kann.
Dafür benötigt man kontrollierte klinische Studien mit Patienten.
Und genau solche Studien existieren für CBD tatsächlich – allerdings nur für bestimmte Anwendungsgebiete.
Der stärkste klinische Nachweis: CBD bei bestimmten Epilepsieformen
Zu den am besten untersuchten medizinischen Einsatzgebieten von Cannabidiol gehören bestimmte schwere Epilepsieformen.
Eine der wichtigsten Studien wurde von Devinsky et al. im New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Untersucht wurden 120 Kinder und junge Erwachsene mit Dravet-Syndrom.
Die Teilnehmer erhielten zusätzlich zu ihrer bestehenden Therapie entweder:
20 mg pharmazeutisches CBD pro Kilogramm Körpergewicht täglich
oder
Placebo.
Die Studie war randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert.
Was zeigte die Studie?
In der CBD-Gruppe sank die mediane Häufigkeit konvulsiver Anfälle von:
12,4 auf 5,9 pro Monat.
In der Placebogruppe veränderte sie sich von:
14,9 auf 14,1 pro Monat.
Die mediane prozentuale Veränderung betrug:
−38,9 % unter CBD
gegenüber
−13,3 % unter Placebo.
Der Unterschied zwischen den Gruppen war statistisch signifikant.
Das ist ein echter klinischer Effekt.
Aber:
CBD heilte das Dravet-Syndrom nicht.
Die Erkrankung verschwand nicht.
Stattdessen wurde unter pharmazeutischem CBD bei der untersuchten Patientengruppe eine Verringerung der Häufigkeit bestimmter Anfälle festgestellt.
Das ist medizinisch relevant – aber etwas vollkommen anderes als eine Heilung.
Aus CBD wurde ein zugelassenes Arzneimittel
Die klinische Forschung blieb nicht bei einer einzelnen Studie.
Hochgereinigtes Cannabidiol wurde in weiteren kontrollierten Studien bei bestimmten schweren Epilepsieformen untersucht.
Heute existiert mit Epidyolex ein zugelassenes Arzneimittel, dessen Wirkstoff Cannabidiol ist.
In der Europäischen Union ist es unter bestimmten Bedingungen für die Behandlung von Anfällen im Zusammenhang mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom, Dravet-Syndrom und Tuberöse-Sklerose-Komplex zugelassen.
Das ist eine wichtige Erkenntnis:
CBD ist nicht lediglich ein Wellness-Trend. Cannabidiol besitzt pharmakologische Eigenschaften, die unter genau definierten Bedingungen medizinisch genutzt werden.
Genauso wichtig ist jedoch die zweite Hälfte:
Die Zulassung eines CBD-Arzneimittels für bestimmte Erkrankungen beweist keine allgemeine Heilwirkung von CBD.
Pharmazeutisches CBD ist nicht dasselbe wie ein CBD-Öl
Dieser Unterschied wird in vielen Internetartikeln übersehen.
In klinischen Arzneimittelstudien wird eine genau definierte pharmazeutische CBD-Zubereitung verwendet.
Kontrolliert werden beispielsweise:
- Wirkstoffreinheit,
- CBD-Konzentration,
- Dosierung,
- Herstellung,
- Stabilität,
- Begleitmedikation,
- Wechselwirkungen,
- Blutwerte und
- Nebenwirkungen.
Die Ergebnisse solcher Studien dürfen deshalb nicht automatisch auf frei verkäufliche CBD-Öle, Kosmetika oder andere CBD-Produkte übertragen werden.
CBD und Schmerzen
Ein weiteres großes Forschungsgebiet betrifft Schmerzen.
Hier ist die Situation wesentlich komplizierter als bei den zugelassenen Epilepsie-Indikationen.
Cannabinoide wurden bei verschiedenen Formen chronischer Schmerzen untersucht. Viele Studien verwenden jedoch THC-haltige Präparate oder THC/CBD-Kombinationen.
Das macht es schwierig, die Wirkung von reinem CBD isoliert zu beurteilen.
Eine aktuelle systematische Cochrane-Auswertung zu cannabisbasierten Arzneimitteln bei chronischen neuropathischen Schmerzen kommt insgesamt zu einer zurückhaltenden Bewertung der Nutzen-Risiko-Bilanz und weist auf die begrenzte Qualität beziehungsweise Sicherheit verschiedener Evidenzbereiche hin.
Deshalb wäre die Aussage:
„CBD heilt chronische Schmerzen“
wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
CBD und Entzündungen
Besonders umfangreich ist die präklinische Forschung zu CBD und Entzündungsprozessen.
In Zellkultur- und Tierexperimenten wurden Wechselwirkungen mit verschiedenen Signalwegen beobachtet, die an Immun- und Entzündungsreaktionen beteiligt sind.
Dazu gehören beispielsweise Veränderungen verschiedener Zytokine und Signalwege.
Diese Forschung ist biologisch interessant.
Aber auch hier gilt:
Eine entzündungsbezogene Wirkung in Zellkulturen oder Tiermodellen ist kein Beweis dafür, dass CBD beim Menschen eine entzündliche Erkrankung heilt.
Dafür wären indikationsspezifische, ausreichend große kontrollierte Humanstudien erforderlich.
CBD und Krebs – besonders wichtig zu unterscheiden
Kaum ein Bereich zeigt die Gefahr voreiliger Schlussfolgerungen besser als die Krebsforschung.
CBD wurde in zahlreichen präklinischen Untersuchungen an Tumorzellen und in Tiermodellen untersucht.
Dabei wurden unter Laborbedingungen unter anderem Veränderungen von:
- Zellproliferation,
- Apoptose,
- oxidativem Stress,
- Signalwegen,
- Migration bestimmter Tumorzellen
beobachtet.
Solche Ergebnisse sind für Wissenschaftler interessant, weil sie mögliche Forschungsrichtungen aufzeigen.
Sie beweisen jedoch nicht, dass CBD Krebs beim Menschen heilt.
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde beziehungsweise das National Cancer Institute weist ebenfalls darauf hin, dass Cannabis beziehungsweise Cannabinoide nicht von der FDA zur Behandlung von Krebs zugelassen sind.
Laborwirkung ≠ Krebsheilung
Eine Substanz kann Krebszellen in einer Petrischale beeinflussen und trotzdem als Krebstherapie beim Menschen unwirksam sein.
Dieser Unterschied gilt nicht nur für CBD, sondern für die gesamte Arzneimittelforschung.
Warum funktionieren Laborergebnisse nicht automatisch beim Menschen?
Zellkulturen ermöglichen Wissenschaftlern, einzelne Mechanismen unter stark kontrollierten Bedingungen zu untersuchen.
Der menschliche Organismus ist jedoch wesentlich komplexer.
Eine Substanz muss nach der Einnahme unter anderem:
aufgenommen → verteilt → metabolisiert → zum Zielgewebe transportiert → dort in ausreichender Konzentration verfügbar sein.
Gleichzeitig können andere Organe, Enzyme und Medikamente die Wirkung verändern.
Deshalb durchlaufen Arzneimittel normalerweise mehrere Entwicklungsstufen:
Labor → Tiermodell → frühe Humanstudien → größere randomisierte Studien → gegebenenfalls Arzneimittelzulassung.
CBD ist bei bestimmten Epilepsieformen tatsächlich bis zu diesem letzten Schritt gelangt.
Bei vielen anderen diskutierten Einsatzgebieten dagegen nicht.
CBD kann auch Nebenwirkungen haben
Ein weiterer Grund, CBD nicht pauschal als harmloses Naturprodukt darzustellen, ist seine pharmakologische Aktivität.
In klinischen Studien mit pharmazeutischem CBD wurden unter anderem folgende unerwünschte Ereignisse beobachtet:
- Schläfrigkeit,
- Durchfall,
- verminderter Appetit,
- Müdigkeit,
- Erbrechen und
- erhöhte Leberenzymwerte.
Außerdem kann CBD den Stoffwechsel anderer Arzneimittel beeinflussen.
Das ist keine Besonderheit von CBD.
Im Gegenteil:
Wirksame pharmakologische Substanzen können erwünschte und unerwünschte Effekte besitzen.
Kann CBD also heilen?
Nach dem heutigen Stand der Forschung wäre die Aussage:
„CBD heilt Krankheiten“
zu pauschal und wissenschaftlich nicht haltbar.
Eine wesentlich präzisere Aussage lautet:
Cannabidiol ist ein pharmakologisch aktiver Wirkstoff, für den bei bestimmten Erkrankungen klinische therapeutische Effekte nachgewiesen wurden.
Bei bestimmten schweren Epilepsieformen ist die Evidenz so weit fortgeschritten, dass ein pharmazeutisches CBD-Arzneimittel zugelassen wurde.
Für zahlreiche andere diskutierte Bereiche reicht die Evidenz dagegen von präklinischen Hinweisen bis zu kleineren oder widersprüchlichen Humanstudien.
Und selbst eine nachgewiesene therapeutische Wirkung ist nicht automatisch eine Heilung.
Die vier Ebenen der CBD-Forschung
Um Berichte über CBD besser beurteilen zu können, hilft eine einfache Einteilung:
1. Mechanismus
CBD beeinflusst einen Rezeptor, ein Enzym oder einen Signalweg.
2. Präklinische Forschung
CBD erzeugt einen Effekt in Zellkulturen oder Tiermodellen.
3. Klinische Forschung
Ein Effekt wird in kontrollierten Studien beim Menschen beobachtet.
4. Therapeutischer Nachweis
Qualität und Umfang der klinischen Evidenz reichen für eine konkrete medizinische Anwendung beziehungsweise Arzneimittelzulassung.
Viele vermeintliche „CBD-Heilwirkungen“ im Internet springen direkt von Stufe 1 oder 2 auf Stufe 4.
Genau das ist wissenschaftlich problematisch.
Ein zugelassenes CBD-Arzneimittel ist trotzdem bemerkenswert
Die notwendige Vorsicht sollte nicht dazu führen, die tatsächliche Forschung kleinzureden.
Dass ein natürlich vorkommendes Cannabinoid isoliert, pharmazeutisch standardisiert, in randomisierten Studien untersucht und schließlich als Arzneistoff zugelassen wurde, ist wissenschaftlich durchaus bemerkenswert.
CBD zeigt damit sehr anschaulich, wie aus einem Pflanzenbestandteil ein moderner pharmazeutischer Wirkstoff werden kann.
Die entscheidenden Faktoren waren dabei nicht Erfahrungsberichte oder Internetmeinungen.
Es waren:
standardisierte Wirkstoffqualität + definierte Dosierung + kontrollierte Humanstudien + statistisch überprüfbare klinische Endpunkte.
Fazit: Zwischen Heilungsversprechen und echter Wissenschaft
CBD besitzt reale pharmakologische Eigenschaften.
Es gibt hochwertige Humanstudien, in denen pharmazeutisches Cannabidiol klinisch relevante Effekte gezeigt hat.
Die Forschung beim Dravet-Syndrom ist dafür ein gutes Beispiel: Unter 20 mg CBD/kg Körpergewicht täglich sank die mediane Häufigkeit konvulsiver Anfälle von 12,4 auf 5,9 pro Monat, während die Veränderung unter Placebo deutlich geringer ausfiel.
Das ist ein wissenschaftlich nachgewiesener therapeutischer Effekt.
Es ist aber keine Heilung des Dravet-Syndroms.
Genau diese Unterscheidung sollte auch für andere Forschungsbereiche gelten.
CBD ist weder ein pharmakologisch bedeutungsloses „Lifestyle-Produkt“ noch ein wissenschaftlich belegtes universelles Heilmittel.
Die interessantere Realität liegt dazwischen:
Cannabidiol ist ein biologisch aktiver Arzneistoff mit nachgewiesenen medizinischen Anwendungen in bestimmten Bereichen und zahlreichen weiteren Forschungsgebieten, deren klinische Bedeutung noch geklärt werden muss.
Wissenschaftlicher Hinweis
Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information über den wissenschaftlichen Forschungsstand zu Cannabidiol. Er stellt keine Aussage über die Wirkung eines bestimmten CBD-Produkts von Canitat M dar und ist keine medizinische Beratung oder Therapieempfehlung. Arzneimittelstudien mit pharmazeutischem Cannabidiol können nicht auf frei verkäufliche CBD-Produkte übertragen werden. Bei Erkrankungen oder bestehender Medikation sollte die Anwendung von Cannabidiol mit medizinischem Fachpersonal besprochen werden.
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